Hundeschule und co.

Welpenspielgruppen sind sehr populär geworden. Viele Hundehalter legen Wert darauf auf den Besuch einer Welpengruppe; sie sind der vereinfachenden Darstellung erlegen, dass Welpen ausreichend Kontakt zu anderen Welpen benötigen, um ein normales Sozialverhalten mit Artgenossen entwickeln zu können. Richtig ist sicher, dass das Spielen den Welpen hilft, ihr Sozialverhalten nach der Trennung von Mutter und Geschwistern zu entwickeln und weiter zu verfeinern. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser Spielbegegnungen, denn Erfahrung formt Verhalten! Deshalb sollten die Welpen mit guten Erfahrungen und Lerngelegenheiten versorgt werden.


Unter Anleitung sollten die Menschen in Welpenspielgruppen lernen, ihre Welpen zu beobachten und erwünschtes Verhalten zu verstärken. Je früher Hundebesitzer lernen können, dass Verhalten auch etwas mit verschiedenen Situationen zu tun hat, desto leichter wird ihnen später der Umgang mit ihrem Hund fallen, weil sie die Bedeutung für die Auslösbarkeit von Verhalten verstehen.

Die Welpenzeit ist für die Konzentration auf die klassischen Lerninhalte wie "Sitz", "Platz" und "Fuss" viel zu schade und zu schnell vorbei. Welpen haben eine natürliche Affinität zu anderen Hunden und sollten vorrangig lernen, sich umorientieren zu lassen. Mit der Umorientierung ergeben sich automatisch "Leinenfügigkeit" und vor allem die Fähigkeit, mit einem gewissen Mass an Frustration zurechtzukommen.

Welpen sollten während des Spielens Gelegenheit haben, Begrüssungsverhalten zu praktizieren. Bei Hundebegegnungen beginnen viele aggressiven Auseinandersetzungen mit einer verpatzten Begrüssung. Im Alltag spielen Begrüssung bei Hundebegegnungen eine viel grössere Rolle als die Fähigkeit, eine halbe Stunde mit einem fremden Hund spielen zu können. Begrüssungssituationen können nur entstehen, wenn das Spiel in der Welpengruppe immer wieder unterbrochen wird. Spielende Welpen sollten oft unerbrochen werden und zu ihren Bezugspersonen umorientiert werden, jedoch ohne die Welpen zu erschrecken oder ihnen zu drohen.

Nicht jedes Verhalten, welches Welpen untereinander zeigen, ist Spielverhalten. Unkritisch durchgeführte Spielgruppen ermöglichen es manchen Welpen, ihre Neigung zu grobem Spiel und Unterdrückung anderer Welpen nachzugeben und dadurch immer wieder am Erfolg zu lernen. Diese Hunde verlassen dann als geübte Rüpel die Spielgruppen!

Der Erregungsverlauf spielender Welpen sollte gut überwacht werden. Nach sehr erregenden Spieleinheiten sollten die Welpen von ihren Bezugspersonen entspannt werden. Entspannungstraining ist ein Eckpfeiler eines jeden Gruppentrainings. Wird dieser Pfeiler ausgelassen, wird die Anwesenheit anderer Hunde schnell zum konditionierten Erregungsauslöser. Damit ist dann über Frustration und Bewegungseinschränkung der Weg zur "Leinenaggression" gebahnt.

Welpen können mehr Erfahrungen sammeln, wenn sie mit vielen verschiedenen Spielpartnern zusammengebracht werden, dies spricht gegen eine feste Gruppenstrukur. Besser ist es, kleine Gruppen immer wieder neu zusammenzustellen. Oberstes Ziel in der Welpengruppe muss sein, für die Hunde die Anzahl positiven Erfahrungen zu maximieren. Eine überschaubare Welpengruppe besteht aus nicht mehr als 4 bis 6 Hunden. Auch wenn mehrere Trainerinnen zur Verfügung stehen, sollte auf grössere Gruppen unbedingt verzichtet werden.

Welpengruppen werden oft genutzt, um die Hunde mit potenziellen Angstauslösern vertraut zu machen. Dazu wird das Spielfeld mit beweglichen Objekten wie Flatterbänder und Windrädern, Klapperdosen und verschiedenen Untergründen ausgerüstet. Die dahinterstehende Idee ist ebenso einfach wie verlockend: nimmt der Welpe einen solchen Reiz wahr, während er spielt, verknüpft er den Reiz mit etwas Positivem. So weit so gut, aber hinter dieses Konzept setze ich ein Fragezeichen und es ist mit Vorsicht umzusetzen, denn kein Trainer kann Wohlbefinden und positive Stimmung für jeden einzelnen Welpen gewährleisten, während er einen Schreckreiz wahrnimmt und es können damit genau so gut Fehlverknüpfungen entstehen. Sinnvoller ist es, solche Reize gezielt in die Mensch-Hund-Arbeit einzubauen, denn genau damit sind die Bezugspersonen in ihrem Alltag konfrontiert.

Sozialisation bedeutet auch nicht, Lernen unkontrolliert stattfinden zu lassen und dabei zu hoffen, dass der Welpe das Richtige lernt. Sozialisation bedeutet, Lernprozesse so zu begleiten, dass der Welpe lernt, in verschiedenen Situationen zurechtzukommen, ohne unerwünschtes Verhalten zu zeigen. Unerwünschtes Verhalten entsteht aus Ueberregung, Angst und Frustration. Es ist wichtig, dass kein Welpe überfordert wird und dass das Programm der Welpenspielgruppe sich eher an den ängstlichen Welpen als an den forscheren orientiert.

Sind während den Trainingseinheiten eines Kurses immer wieder nur dieselben Menschen anwesend, ist der Sozialisationseffekt eher gering; diese Menschen sind dann keine Fremden mehr. Eine Welpenspielgruppe sollte auch immer fremde Menschen einbauen, wie Familienmitglieder der Teilnehmer, interessierte Bekannte usw. Oft werden die Kurse in den Hundeschulen meist nur von Frauen dominiert, gerade aber für die Sozialisation ist es wichtig, dass Welpen regelmässig mit fremden Männern konfrontiert werden. Kinder sind oft auch ein Angstauslöser und es ist sinnvoll, Kinder in die Welpenspielgruppe zu integrieren, natürlich unter Anleitung.

Locken ist verlockend einfach, und gerade deswegen führt es häufig nicht zu dem erwünschten Erfolg. Trainer und Hundehalter denken zu wenig über Lernprozesse nach. Hunde lernen durch klassische und operante Konditionierung. Obwohl beide Lernformen verschieden sind, laufen sie gleichzeitig und immer ab. Hunde lernen ständig neue Verknüpfungen zwischen Verhalten und Umwelt. Oft wird Futter benutzt, um Kooperation zu verlangen. Dabei ist der Faktor "Zeit" das Wesentliche, im Umgang mit Neugier- und Erkundungsverhalten. Jeder Hund sollte die Zeit bekommen, sich in der aktuellen Umwelt zu orientieren, die er benötigt. Diese Orientierung gibt ihm Sicherheit und er kommt schneller wieder zur Ruhe. Locken ist of zu sehen, wenn Menschen ihren Hunden über Bodenstrukturen wie Brücken, Gitterroste, Treppen oder über Geräte auf dem Hundeplatz helfen wollen. Aber auch gut gemeinte Hilfe ist nicht immer hilfreich! Und wenn man ehrlich ist - geholfen wird ja meist, weil es sonst zu lange dauert! Leckerchenstrassen führen über Stege und durch Welpenspielgeräte. Hunde, die Angst vor fremden Menschen haben, werden von diesen mit Futter gelockt. Auf den ersten Blick bringt diese Hilfestellung  nur Vorteile - der Hund überwindet seine Angst. Doch Achtung! Der Hund überwindet nicht seine Angst, sondern er nähert sich, weil Annäherung durch Futter belohnt wird. Die Angst vor dem Neuartigen verfliegt schnell, wenn das Tier Gelegeneheit bekommt, sich frei, ungezwungen und im eigenen Tempo zu nähern und zu untersuchen. Das vorgehaltene Leckerchen macht dieser Freiheit gut gemeint ein Ende und fügt dem Konflikt zwischen Neugier und Angst noch den Motivationskonflikt zwischen Angst und Futteraufnahme zu.

Menschen neigen dazu, ihren Willen Welpen gegenüber mit körperlicher Kraft durchzusetzen. Noch ist der Hund klein und leicht und solange er sich nicht mit den spitzen Welpenzähnchen zur Wehr setzt, haben die Menschen meistens auch Erfolg. Viele denken aber nicht daran, dass der Hund grösser wird, schwerer und wehrhafter. Fügt sich ein Welpe ins Unvermeindliche, bedeutet dies noch lange nicht, dass er sich auch als heranwachsender Hund fügen wird.

Wir Menschen vermenschlichen immer und betrachten die Welt nur durch die menschliche Brille. Nun sind aber Hundewelt und Menschenwelt nicht immer deckungsgleich. Welchen Sinn haben z.B. Erziehungskurse in gemischten Gruppen? Hunde entwachsen ihrer Welpengruppe spätestens wenn die Pupertät beginnt. Gruppentraining gemeinsam mit Rüden und Hündinnen in diesem Alter bedeutet, dass die Rüden intensiv mit dem steigenden Spiegel der Sexualhormone der Hündinnen konfrontiert sind. Aus Spiel werden allmählich oder auch sehr plötzlich richtiges Sexualverhalten und richtiges Konkurrenzverhalten gegenüber gleichgeschlechtlichen Hunden. Gerade in Junghundegruppen kommen nicht grundlos Klapperbüchsen, Discs und andere Mittel der Verhaltensunterbrechung zum Einsatz. Erst werden die Hunde in diese stark erregenden Situationen verfrachtet, dann wird ihr Verhalten umständlich erkärt mit "Rüpelphase" oder "Rangordnungsproblemen". Die Gruppensituation kann für einen jungen Hund sehr frustrierend sein. Er nimmt seine Konkurrenten wahr, sein Sexualverhalten wird angeregt, aber nichts von diesem Verhalten darf er wirklich ausführen. Die Spannung steigt, entlädt sich in Unruhe, mangelnder Konzentration auf den Menschen, Uebersprungsbewegungen, Bellen und aggressivem Verhalten, doch dieses Verhalten ist unerwünscht in der Hundegruppe und wird mehr oder weniger erfolgreich unterdrückt. Das Ziel des Lernens bleibt doch hier eine Illusion. Doch gäbe es eine Alternative dazu?

Ja, nämlich nach der Welpenzeit Rüden und Hündinnen in der Hundeschule zu trennen und getrennt voneinander zu betreuen. "Männergruppen" und "Frauengruppen" unternehmen Spaziergänge, überwiegend am Brustgeschirr und längerer Leine. Die Hunde haben so eine realistische Chance auf ein effektives Lernumfeld, das Erregungsniveau des einzelnen Hundes ist nicht so hoch wie in der gemischten Gruppe, der Lernerfolg umso besser!

Zum Thema "Hundeschule" gäbe es noch einges zu sagen, aber ich rate allen, geht euch die Hundeschule vorgängig ohne Hunde anschauen und meldet dann eure Tiere dort erst an, wenn ihr mit dem Gesehenen vollumfänglich einverstanden seit.